29 Oct Mein Lieblings-Strick-Hack: Verkürzte Reihen
Erinnert ihr euch noch an ganz alte Raglan-Strickmuster? Die die unterm Arm immer so eng saßen? Da wurde stumpf linear an Ärmeln, Vorder- und Rückenteil gleichmäßig zugenommen und bei etwas mehr Oberweite saßen die Dinger wie ein Sack. Moderne Top-Down Designs arbeiten mit unterschiedlichen Zunahmen für Ärmel und Hauptteile und vor allem: mit verkürzten Reihen. Wer sich schon einmal in die Welt der verkürzten Reihen begeben hat, weiß: Kaum eine Technik formt Strick so elegant wie ein paar strategisch gesetzte Wendepunkte.
Es ist ungefähr zehn Jahre her, dass mir verkürzte Reihen (engl. short rows) in einer Anleitung das erste Mal begegnet sind und ich habe einfach nicht verstanden, was da gefordert war. Auf dem Wollfest in Hamburg hatte ich dann Gelegenheit, einen Workshop bei Isabell Kraemer zu belegen, der sich ausschließlich mit verkürzten Reihen beschäftigte. Es klang alles wahnsinnig kompliziert und mir rauchte der Kopf. Maschen wickeln, Maschen hochziehen, eine Reihe tiefer einstechen, einen Umschlag machen? Ja was denn nun? Erst später kapierte ich, dass es einfach verschiedene Techniken gibt, wie man bei diesen verkürzten Reihen wendet und verhindert, dass Löcher im Gestrick entstehen.
Als nun kürzlich eine Freundin berichtete, dass sie mit einer Anleitung überhaupt nicht zurecht kam, weil da immer von wickeln und wenden die Rede war und sie nicht wusste, was gemeint ist, kommt hier für alle, denen es ähnlich geht, eine kleine Einführung in die Welt der verkürzten Reihen:
Was bewirken verkürzte Reihen (Engl: Short Rows)?
1. Formgebung
Mit verkürzten Reihen kannst du schöne Rundungen oder Neigungen arbeiten. Klassisches Beispiel: ein runder Halsausschnitt oder ein längerer Rücken bei Pullovern. Die zusätzliche Länge entsteht dort, wo du öfter hin- und her strickst.
2. Bessere Passform
Wenn du z. B. im Nackenbereich eines Pullovers verkürzte Reihen arbeitest, sitzt der Halsausschnitt viel angenehmer, weil der rückwärtige Halsausschnitt etwas höher sitzt als der vordere.
3. Gestaltung von Rundungen
Ideal für Schultern, Brustabnäher, Ärmelkuppen oder auch Fersen bei Socken. So lässt sich das zweidimensionale Gestrick dreidimensional formen, fast so, als würdest du es modellieren.
4. Keine störenden Nähte
Viele Techniken, bei denen die Strickstücke früher zusammengenäht werden mussten, kann man mit verkürzten Reihen direkt in einem Stück stricken.
Typische Einsatzorte:
- Rückenteil von Pullovern → Rücken wird etwas höher → bessere Passform
- Halsausschnitt → sauberer, ohne harte Kante
- Schulterschrägen → natürlichere Linie
- Sockenfersen → schön geformte Ferse
- Tücher → asymmetrische oder gebogene Formen
Beispiel
Wenn du am Rückenteil eines Raglanpullovers 6 verkürzte Reihen strickst, wird der Rücken automatisch länger und die Schultern kippen leicht nach hinten. Das sorgt für einen optimalen Sitz, wie bei gut sitzender Kleidung aus dem Handel.
Die ersten Anleitungen, in denen verkürzte Reihen auftauchen, sind z.B. die Bücher von Elizabeth Zimmermann (Knitting without tears: https://amzn.to/3L5Q9Ja), (Elizabeth Zimmermann Knitting workshop: https://amzn.to/4o5jHFy) aus den 50ger Jahren. In diesen Anleitungen wurde allerdings noch keine Technik beschrieben, mit der man die sichtbaren Lücken verhindert.
Zwischen Gefühl und Präzision: Zimmermann Short Rows vs. German Short Rows
Zwei Philosophien, ein Ziel — zwei große Ansätze stehen sich gegenüber: die intuitive Methode von Elizabeth Zimmermann und die klar strukturierte Technik der German Short Rows. Beide Methoden wollen das Gleiche: eine harmonische Formgebung ohne Löcher oder sichtbare Übergänge. Doch der Weg dorthin könnte kaum unterschiedlicher sein:
Zimmermann Short Rows sind wie Jazz im Stricken. Elizabeth Zimmermann ermutigt uns, einfach zu wenden, wenn es sich „richtig“ anfühlt. Keine komplizierten Wendeschritte, kein Drama – nur Gefühl und Beobachtung. Das Ergebnis hängt ganz von der Strickerin, dem Garn und der Spannung ab.
German Short Rows sind dagegen die Ingenieurskunst unter den verkürzten Reihen. Nach dem Wenden wird der Faden fest über die Nadel gezogen, sodass die abgehobene Masche eine „Doppelmasche“ bildet. Diese Doppelmasche schließt die Lücke – präzise, zuverlässig und nahezu unsichtbar.
Technik trifft Temperament
Zimmermann Short Rows funktionieren wunderbar, wenn du frei und kreativ arbeitest, zum Beispiel bei Rundpassen, Raglan-Schultern oder asymmetrischen Designs. Sie sind schnell und intuitiv, aber etwas launisch – zu locker gestrickt, kann schon mal ein Mini-Loch durchblitzen. German Short Rows sind dagegen perfekt für strukturierte Projekte, bei denen jede Masche sitzen soll: saubere Schultern, formschöne Ärmel, glatte Fersen. Der Nachteil? Sie verlangen ein bisschen mehr Mühe und Disziplin – typisch deutsch eben.
Kurz gesagt
Zimmermann Short Rows: Formgebung mit Gefühl. Wenden, stricken, beobachten.
German Short Rows: Präzision mit System. Faden ziehen, Doppelmasche bilden, weiterstricken.
Und so funktioniert's:
German Short Rows
(Auch: Doppelmaschen- oder Hochziehmaschen-Methode)
Das Prinzip:
- Beim Wenden wird die erste Masche so stark nach hinten gezogen, dass sie zwei Maschenbeine zeigt (eine „Doppelmasche“).
- Diese Doppelmasche wird später wieder als eine Masche gestrickt.
Der Ablauf:
- Stricke bis zur Wendestelle.
- Wende die Arbeit.
- Halte den Arbeitsfaden vor die Arbeit, hebe die erste Masche wie zum Linksstricken ab, ziehe den Faden fest nach hinten, sodass die Masche doppelt aussieht.
- Stricke weiter.
- Wenn du später wieder zur Doppelmasche kommst, stricke beide Maschenteile zusammen wie eine Masche (rechts oder links, je nach Muster).
ww – Wickeln und Wenden
(deutsche Übersetzung von „wrap & turn“)
Das Prinzip:
Die Wende-Masche wird mit einem Faden umwickelt, der später gemeinsam mit der Wende-Masche angestrickt wird.
Der Ablauf:
- Stricke bis zur Wendestelle.
- Arbeitsfaden nach vorn (bei rechten Reihen) oder nach hinten (bei linken Reihen) legen.
- Nächste Masche abheben.
- Faden wieder zurücklegen, also um die abgehobene Masche herumwickeln.
- Arbeit wenden.
- Später beim Weiterstricken den Umschlag mit der umwickelten Masche zusammen abstricken.
- Zweck: Vermeidung eines Lochs am Wendepunkt.
- Englisches Pendant: wrap and turn (w&t) Typisches Kürzel in deutschen Anleitungen: ww
- Merkhilfe: „Wickeln“ = den Faden um die Masche legen → also tatsächlich etwas „wickeln“.
Japanese Short Rows
Das Prinzip:
Beim Wenden der Arbeit wird kein Umschlag gemacht oder gezogen. Stattdessen hängt man einen Maschenmarkierer oder Fadenrest an den Arbeitsfaden, um die Wendestelle zu markieren. Beim späteren Zusammenstricken wird dieser Markierer verwendet, um den Fadenzug auszugleichen.
Der Ablauf:
- Stricke bis zur gewünschten Wendestelle.
- Wende die Arbeit.
- Lege einen Maschenmarkierer oder Fadenrest an den Arbeitsfaden (nicht auf die Nadel!).
- Stricke die Rückreihe.
- Wenn du später zur markierten Masche zurückkommst, hebe den Markierer hoch, hole den Faden und stricke ihn zusammen mit der markierten Masche – so entsteht keine Lücke.